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 | Thema: ViB: Wie ein Stern in dunkler Nacht So Nov 30, 2008 10:21 pm | |
| | rivka schrieb: | Endlich fertig! David speicherte die Datei ab, dann schaltete er den Computer aus. Sein Blick fiel auf die Uhr. Halb zwei. Er grinste müde. Wer hätte noch vor ein paar Monaten gedacht, dass David Seidel freiwillig ganze Nächte arbeiten würde? Schnell räumte er seinen Kram in die Tasche, schnappte sich die Jacke und ging zum Fahrstuhl. Vom Flur aus konnte er quer über den Potsdamer Platz sehen. Drüben, im Kerima-Gebäude, brannte noch Licht. Saß da auch noch so ein armes Schwein und mußte schuften? Oder wurden wieder Partys gefeiert?
Mit einem leisen „Pling“ glitt die Fahrstuhltür auf und riß David aus seinen Gedanken. Was immer da drüben abging, es war nicht mehr sein Problem. In der Tiefgarage stand sein Wagen allein auf weiter Flur. Und leider wieder mal auf allen vieren platt. Das dritte Mal in diesem Monat. Seufzend nahm er sein Handy aus der Tasche und orderte ein Taxi. Er mußte sich was einfallen lassen. Auch wenn der Pannendienst sich freute, so ging das nicht weiter.
Eine Viertelstunde später hielt das Taxi vor Davids Haus. Er bestellte den Fahrer gleich für morgen acht Uhr. Als er die Haustür aufschloß, konnte er bereits Bellas Getrappel hören. Die Hündin erwartete ihn schwanzwedelnd im Flur. „He, meine Süße, du hast schon gewartet, hm?“ Er streichelte durch das weiche Fell und genoß eine Weile das Gefühl. Bella schaffte es immer wieder, ihn zu beruhigen.
Ihre Schüssel war noch halb gefüllt und im Kühlschrank stand eine Auflaufform. Neben Bella sorgte Maria Fitzek für sein häusliches und leibliches Wohl. Die Haushälterin, mit Berliner Schnauze, aber viel Herz, kümmerte sich rührend um alles und sah sich wahrscheinlich weniger als Angestellte denn als Oma, die für einen kleinen, ungezogenen Lausbub sorgte. David stellte die Form in den Ofen, programmierte den auf die auf dem Zettel vorgeschriebenen zwanzig Minuten und ging duschen. In seinem Pyjama kam er zurück in die Küche, holte den Auflauf aus dem Ofen und kramte eine Gabel aus dem Besteckkasten. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer, um noch eine Weile fernzusehen und dabei zu essen.
Der Anrufbeantworter blinkte und beiläufig drückte er auf die Taste. Ein Fehler, wie sich sofort herausstellte, denn plötzlich war Mariellas keifende Stimme zu hören. Es war keine Nachricht im eigentlichen Sinne, vielmehr schien sie lediglich eine Latte Schimpfwörter loswerden zu wollen. Leider hatte sie keine Chance, gehört zu werden, denn Bella ließ auf einmal die ganze Kraft ihrer Stimmbänder los und verbellte das Telefon. „Danke, mein Schatz“, grinste David und klopfte auf den freien Platz neben sich. Bella hatte schon recht, das konnte man sich nicht anhören. Die Hündin sprang aufs Sofa, legte ihren Kopf in Davids Schoß und schaute mit ihm noch den letzten Teil eines Krimis an.
Nur David folgte dem Geschehen in der Flimmerkiste nicht. Mariellas Stimme hatte seine Gedanken wieder zurückkatapultiert zu den Geschehnissen von vor nicht ganz fünf Monaten. Es war ausgerechnet der Tag ihrer Hochzeit gewesen, an dem alles explodiert war. David war schon lange am Zweifeln, ob die Hochzeit mit Mariella von Brahmberg wirklich eine gute Idee war. Liebte er sie überhaupt noch? Je näher der große Tag rückte, desto mehr Zweifel kamen ihm. Er hatte versucht, es als Panik abzutun – und als ihm das nicht gelang, versuchte er, mit anderen darüber zu reden. Max hatte ihm nicht zugehört, sein Vater hatte ihn angeschrien und seine Mutter hatte ihm ins Gewissen geredet. Tenor: er solle sich gefälligst anstrengen und nicht schon wieder alle enttäuschen. Der Hieb saß tief, war es ihm doch gerade erst gelungen, wieder das Ruder bei Kerima zu übernehmen, nachdem Richard und irgend so ein Finanzhai sich die Firma kurzfristig unter den Nagel gerissen hatten. Nur war Richard dann grandios als Geschäftsführer gescheitert. Hatte eine total versiffte Kollektion rausgebracht und war baden gegangen. Reumütig sah er seinen Fehler ein, verschwand nach Spanien und überließ es David, die Scherben wegzukehren. Der war sauer, denn abgesehen davon, dass der Laden schwer schlingerte, bekam er von allen nur Druck: Friedrich ging die Sanierung nicht schnell genug, Mariella machte ihm Szenen, wenn er sich ihrer Meinung nach nicht genug für ihre Hochzeit interessierte und seine Mutter ermahnte ihn ständig, endlich erwachsen zu werden und sich zu benehmen.
Und dann hatten sie geheiratet. Mechanisch hatte David auf dem Standesamt und in der Kirche ja gesagt, mechanisch hatte er in die Kamera gelächelt, mechanisch hatte er seine Frau geküßt. Aber später, auf der Party, wurde ihm regelrecht übel. Friedrich schaffte es sogar bei der Gratulation, das Wort Bilanzen zu erwähnen. Laura gab ihm bei derselben Gelegenheit mit auf den Weg, sich Mariellas würdig zu erweisen. Die wurde natürlich herzhaft umarmt, während für ihn nur ein Händedruck blieb.
Die Hochzeitstorte war mit Kokos. Er haßte Kokos schon seit Kindertagen. Und das wußten Mariella und seine Mutter ganz genau! Trotzdem hatten sie die Torte so bestellt. Es war ja nicht wichtig, ob ihm das schmeckte. War doch bloß seine Hochzeit! Er verzichtete nach dem Anschneiden auf ein Stück, was ihm nur einen seltsamen Blick von Mariella eintrug. Dann hielt sein Vater eine Rede. Verkündete seinen Stolz auf die neue, schöne und kluge Schwiegertochter, und gab der Hoffnung Ausdruck, sein Sohn möge jetzt endlich zeigen, dass er ein echter Seidel sei. Das war der Moment, in dem bei David die Sicherungen durchbrannten. Zähneknirschend ließ er die öffentlichen Schmähungen – denn nichts anderes war es – über sich ergehen. Wie ein Automat registrierte er die wenigen mitleidvollen Blicke, er hatte offenbar nicht so viele Fans hier. Den geradezu vor befriedigter Bosheit glänzenden von Sophie. Und beschloß, dass er dieses vorgepreßte Leben nicht mehr wollte. Wenn das hier der Dank dafür war – dann danke nein.
Er stand auf, nahm sein Glas und prostete seinem überraschten Vater zu. „Vielen Dank, Vater, für deine lieben Worte“, begann er mit vor Ironie triefender Stimme. „Ich weiß, dass du viel von mir erwartest. Ich finde, es ist an der Zeit, dich nicht länger zu enttäuschen. Ich kündige.“ Im Saal erhob sich Gemurmel, während Mariella sich käsebleich einmischte. „David, verdammt, was soll das?“, zischte sie. „Ich bin bloß ehrlich. Schließlich hab ich dir vor zwei Stunden geschworen, immer aufrichtig zu dir zu sein.“ „Hör auf damit!“ „Du willst wirklich, dass ich dich belüge?“ „Nein, verdammt noch mal! Ich will, dass du dich endlich benimmst!“ „Ach so, du willst, dass ich funktioniere. Tut mir leid. Ich hab Hunger und ich bin wütend. Ich meine, dass dein Liebhaber hier mit an der Tafel sitzt, finde ich schon reichlich unverfroren. Hätt ich das gewußt, dann hätte ich auch Monique einladen können.“ Eine schallende Ohrfeige landete in seinem Gesicht und David schmeckte Blut. Friedrich stand zornbebend neben seinem Sohn, der jetzt langsam aufstand. Entsetzt starrten die Gäste auf das Blut in Davids Gesicht, während seinem Vater wahrscheinlich noch nicht mal aufgefallen war, dass er mit seinem Siegelring David die Haut aufgerissen hatte. Der schaute seinen Vater nur unverwandt an, dann drehte er sich um. „Du hörst von meinem Anwalt, Mariella. Vielleicht kommen wir ja noch irgendwie aus dieser Farce raus.“ Mit diesen Worten ging er.
Er hatte ein Taxi herangewunken und sich in die Villa fahren lassen, wo er schnell ein paar Sachen in zwei Koffer schmiß. Dann schleppte er die raus und überlegte, wo er überhaupt hinsollte. „Fahren Sie mich zu irgendeinem kleinen Hotel, das keiner kennt.“ In diesem Moment drehte sich der Fahrer, nein, es war eine Fahrerin, nach hinten um. „Sie sollten erstmal ins Krankenhaus fahren. Mit dem Gesicht kommen sie nicht mal in der billigsten Absteige unter, ohne Aufsehen zu erregen.“ Erstaunt betrachtete David sie. Sie hatte strohige blonde Haare und eine Brille, die von ihrer Oma stammen mußte. Ohne ein weiteres Wort fuhr sie los und hielt nur zehn Minuten später vor der Notaufnahme eines Krankenhauses. „Ich warte solange. Keine Angst, das kommt nicht auf die Rechnung. Nun machen Sie schon, bevor Sie mir den ganzen Wagen volltropfen.“ Ganz automatisch gehorchte David diesen Worten und ging rein. Er hatte Glück, es war nicht viel los und er kam sofort dran. Eine ältere Ärztin schaute sein Gesicht an, dann seinen Anzug, dessen weißes Hemd mittlerweile ziemlich rot war. „War keine schöne Feier, oder? Was hatten Sie denn vor?“ „Heiraten.“ Die Antwort war ein Glucksen, während ein Tupfer mit höllisch brennendem Zeugs auf seinen Lippen landete. „Jetzt halten Sie mal still, junger Mann, ich muß das hier nähen.“ Sechs Stiche waren notwendig, bis Wange und die aufgeplatzte Lippe wieder zusammengefügt waren. „So, in ein paar Tagen sind Sie wieder hübsch genug, um auf Brautschau zu gehen.“ „Nein danke, vorläufig reichts mir. War sowieso ein Fehler, ich habs nur zu spät gemerkt.“
„So, Herr Quasimodo, was halten Sie denn von einem Appartementhaus? Die hätten sogar noch was frei. Nehme an, Sie wissen noch nicht, wie lang Sie bleiben wollen, oder? Zwei Zimmer, mit Küche und Bad. Restaurant im Haus. Alles Geschäftsleute. Interesse?“ „Ja“, war das einzige, was David herausbrachte. „Aber wieso ...?“ „Hab mir gedacht, Sie wollen erstmal nicht gefunden werden. Und in ne Wanzenbude, das halten Sie nicht aus.“ Eine halbe Stunde später hielt das Taxi vor einem alten Haus in Treptow. Er bekam wie versprochen ein kleines Appartement. Erst im Zimmer fiel ihm auf, dass er nicht mal wußte, wie die Taxifahrerin hieß. Und von welcher Firma der Wagen überhaupt kam. |
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 | Thema: Re: ViB: Wie ein Stern in dunkler Nacht Di Dez 02, 2008 4:38 pm | |
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