Der Schlag traf ihn völlig unvorbereitet. Mit voller Wucht landete etwas Schweres auf seinem Kopf und David sank mit einem erstickten Laut an der Hausmauer herab. Eine Gestalt, eingehüllt in unzählige Sterne, blickte ihn im diesigen Mondlicht an. Er schüttelte den Kopf, um wieder besser sehen und das Gesicht des Angreifers deutlicher erkennen zu können.
Keine gute Idee. Das Pochen, das er benommen wahrnahm, wich einem unerbittlichen Hämmern. David glitt weiter an der Wand herunter, bis er auf dem Boden lag. Er spürte, wie ihm die Kälte unter die Haut kroch. Ein Duft nach gebratenem Speck stieg ihm in die Nase und verwirrte ihn.
Er neigte den Kopf zurück und konnte mühsam erkennen, wie die Frau ihre Waffe, eine gusseiserne Pfanne, langsam sinken ließ und ihre Hand nach ihm ausstreckte. Sanft berührte sie Davids Stirn, wo sich gerade eine dicke Beule bildete. Er kniff die Augen zusammen, bemüht, nicht das Bewußtsein zu verlieren. Die Frau kniete sich neben ihn. „Sie können entscheiden.“ Ihre ruhige Stimme klang in der klaren, kalten Nacht sehr laut.
„Was?“
David schlug die Augen auf und blickte direkt in zwei tiefblaue Bergseen. Sie gehörten der Bewohnerin des Hauses. Auf sie hatte er es abgesehen. Lisa Plenske, die Maus, die ihn zum Käse führen konnte. Ihre Verbindungen zum mutmaßlichen Kopf einer Bande, die vor kurzem eine Serie von Raubüberfällen begangen hatte, war sein einziger Anhaltspunkt.
Nun war seine Tarnung aufgeflogen. Gut gemacht, Sherlock, dachte David zynisch und versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was sie gesagt hatte.
Lisa stand auf und umfasste den Griff ihrer Pfanne mit beiden Händen. „Soll ich die Polizei holen und Sie wegen Spannens anzeigen oder einen Krankenwagen rufen, damit man Ihre Gehirnerschütterung behandelt?“
„Ich bin kein Spanner.“ Er versuchte, sich aufzurichten.
„Und was haben Sie dann für eine Erklärung dafür, dass Sie im Dunkeln um mein Haus herumschleichen?“
Ja, wie sollte er ihre Frage beantworten. Mit der Wahrheit würde er sich nur einen weiteren Schlag auf den Kopf einhandeln. David kniete sich hin und verzog das Gesicht, als seine Knie nass wurden. Er streckte die Hand in Lisa Plenskes Richtung aus, um sich zu vergewissern, dass sie echt war. In diesem Moment ertönte irgendwo hinter ihr ein bedrohliches Knurren.
„Sam ist mein Wachhund.“ Ein leiser Pfiff ertönte und in Davids Blickfeld erschien eine wahre Bestie von Hund, die Zunge aus dem Maul hängend.
Das wurde ja immer besser! Es wurde Zeit, für sein Verhalten geradezustehen. Er griff in seine Tasche, um ihr seinen Ausweis zu zeigen. Dazu kam es jedoch nicht, denn der Hund machte einen Satz auf ihn zu, warf ihn zu Boden und bleckte die Zähne. Sehr beeindruckende Zähne. David beschloss, sich nicht mehr zu bewegen und möglichst auch das Atmen einzustellen.
„Ich habe gehört ... bei Ihnen seien .... Zimmer frei“, brachte er mühsam heraus, bemüht, den Hund nicht weiter zu reizen.
„Sie wollen ein Zimmer?“ Lisa war skeptisch. „Warum haben Sie dann nicht einfach geklingelt?“
David warf einen Blick auf den Hund. Sie machte eine kaum merkliche Handbewegung und daraufhin ließ die Bestie von ihm ab.
„Die Frau vom Zeitungsladen, die Sie mir empfohlen hat, meinte, die meisten Leute würden bei Ihnen die Hintertür benutzen.“ Er setzte sich auf und fasste sich an die Stirn. Es war eigentlich nicht gelogen. Er hatte tatsächlich mit jener Dame gesprochen, die sich als sehr hilfsbereit erwiesen hatte.
Lisa verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihn skeptisch an. „Käthe hat Ihnen meine Pension empfohlen?“ Sie glaubte ihm offensichtlich nicht.
David zwang sich nachzudenken, denn er wollte nicht als Lügner dastehen. Allerdings fiel es ihm nicht leicht, denn in seinem Kopf pochte es gewaltig. „Ich habe mich nach einer ruhigen Privatunterkunft erkundigt. Sie meinte, Ihre Pension sei ideal, denn bei Ihnen könnte man sich hervorragend erholen.“
Lisa zögerte einen Moment, bevor sie ihm die Hand entgegenstreckte und sich ein Lächeln abrang. „Wenn Käthe Sie hergeschickt hat, kann ich Sie wohl schlecht abweisen.“
Starr blickte er auf ihre Hand.
„Ich bin stärker, als ich aussehe.“
Daraufhin nahm er ihre schmale Hand. Sie zog ihn hoch, doch als er stand, mußte er sich an der Wand abstützten, weil ihm schwindlig war. Schnell hielt Lisa ihn fest. Sie reichte ihm grade bis zum Kinn.
„Tut mir leid. Sie sind hergekommen, um sich zu erholen und ich schlage Sie nieder. Kommen Sie, ich helfe Ihnen ins Haus.“ Stirnrunzelnd sah sie zu ihm auf. „Sie sind doch kein Anwalt, oder?“
„Nein.“ David lehnte sich an sie. Sie war so weich! „Warum?“
„Ich möchte nicht, dass Sie mich verklagen.“
Ihre Ehrlichkeit überraschte ihn. In seiner Branche begegnete man nur selten offenen Menschen. Zu schade, dass er sich nicht genauso verhalten konnte! Solange er nicht wußte, welcher Art ihre Verbindung zu Hoffstedt war, durfte er nicht mit offenen Karten spielen.
Langsam gingen sie um das Haus herum. Als sie um die Ecke kamen, musste David blinzeln, denn das helle Licht der Lampe über dem Eingang blendete ihn. Dann ergriff er die Gelegenheit, die Gastgeberin genauer zu betrachten.
Er war verblüfft. Das Foto in der Akte wurde ihr nicht annähernd gerecht. Langes, blondes Haar fiel ihr in weichen Wellen auf den Rücken. Sie trug eine Jeans und einen Pullover, der ihre fraulichen Formen sehr vorteilhaft unterstrich. Ihre Wangen waren gerötet. Eine Frau, nach der man sich umdrehte.
Als Lisa plötzlich zu ihm aufsah und seinem Blick begegnete, wirkte sie nicht im Mindesten verlegen. Er räusperte sich und wandte den Blick ab. „Ich glaube nicht, dass Sie mir ein Zimmer vermieten, oder?“
Lisa lachte. „Wenn Sie bereit sind, es zu riskieren, wie könnte ich es Ihnen abschlagen?“
Damit war ihm Schritt eins geglückt – in ihr Haus zu gelangen. „Was haben Sie eigentlich mit einer Bratpfanne im Garten gemacht?“
„Die Blumen gegossen.“ Sie legte die Hand auf den Türknauf.
David erstarrte. In dem Dossier über diese Frau hatte kein Wort davon gestanden, dass sie nicht ganz zurechnungsfähig war. „Wie bitte?“
„Meine Oma hat im Frühling immer etwas Bratfett über die Tulpen gegossen. Ihr Geheimrezept. Sie hatte immer die schönsten Blumen im ganzen Ort“, erwiderte Lisa sachlich, als sie die Tür öffnete.
Eine anheimelnde Wärme und verschiedene verlockende Düfte schlugen ihnen entgegen, als sie die große Küche betraten. Als David den Blick umherschweifen ließ, stellte er fest, dass auf einem Sideboard eine Batterie Gläser mit undefinierbarem Inhalt stand. Es sah aus wie Heu oder Insektenteile. Der Fall wurde immer seltsamer.
Lisa führte ihn zu einem Stuhl und half ihm, sich zu setzen. Dann nahm sie einen Beutel mit Mais aus dem Gefrierfach. „Halten Sie das an Ihre Beule. Ich mache Ihnen in der Zwischenzeit etwas gegen die Kopfschmerzen.“
Er beobachtete, wie sie zum Herd ging. „Nicht nötig. Ich nehme zwei Aspirin.“
Daraufhin drehte sie sich zu ihm um. „Offenbar hat Käthe Ihnen nicht erzählt, was ich noch mache und womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene.“
„Sie sagte nur, Sie würden eine Pension führen.“ Zum wiederholten Mal verfluchte er insgeheim die Tatsache, dass ihre Akte so wenig Informationen über ihre Person enthalten hatte. Die Zeit war einfach zu knapp gewesen.
„Ich führe eine Teestube und meine Spezialität sind Heiltees.“ Lisa betrachtete ihn aufmerksam.
David bemühte sich, keine Miene zu verziehen. „Das ist ungewöhnlich.“
Sie wandte sich wieder zum Herd und zündete die Flamme unter einem großen Emaillekessel an.
Tee. Das erklärte das Zeug in den Gläsern. Was er allerdings nicht verstand, war, dass diese Frau ihm ohne weiteres vertraute. Er hatte ihr nicht einmal seinen Namen genannt, trotzdem hatte sie ihn mit ins Haus genommen. Andererseits jedoch gab es keinen besseren Schutz für eine alleinstehende Frau, als diese Bestie von Hund, der ihn immer noch argwöhnisch beäugte.
„Ich heiße Seidel. David Seidel.“ Er wollte aufstehen, überlegte es sich jedoch anders, als sich wieder alles zu drehen begann. Lisa schüttelte ihm die Hand. „Lisa Plenske.“
David beobachtete, wie sie zurück zum Herd ging, etwas aus den Gläsern nahm, in eine Tasse füllte und mit heißem Wasser übergoß.
„Zucker?“, fragte sie ihn.
„Ja, bitte.“
Sie ließ ein Stück in die Tasse fallen und rührte um. Dann reichte sie ihm das Gebräu. „Keine Angst, ich will Sie nicht vergiften“, deutete sie seinen Blick richtig. „Das ist nur ein Kräuteraufguss, Pfefferminz und Mandarine, gegen Kopfschmerzen und Unbehagen.“
David starrte in die Tasse und fragte sich, wie er in dieser Situation gelandet war.